Alejandro Aravena - Über die Unreduzierbarkeit

Über das Sitzband dieses Ayoreo-Indianers lassen sich drei mögliche Dinge sagen: Erstens: Er kann sich vielleicht nichts Anderes leisten, als dieses bescheidene Stück Stoff als Stuhl zu nutzen. Zu wissen, wie man mit knappen Mitteln umgeht, ist für ihn von grösster Wichtigkeit. Zweitens: Dieser Mann ist ein Nomade – weshalb jede Art von Stuhl, auch wenn er mehr Geld hätte, für ihn sinnlos wäre. Das Design passt absolut. Drittens: Dieses Stück Stoff ist die letzte Grenze, bevor das Substantiv „Stuhl“ zum Verb „sitzen“ wird. Das Design ist unreduzierbar.

Chairless von vitra

Das sind die Tugenden dieses „Stuhls“, der von den Ayoreo-Indianern in Paraguay entwickelt wurde und der Ausgangspunkt für Chairless ist. In diesen Zeiten ist es sinnvoll, einen ökonomischen Stuhl herzustellen. Und es ist an der Zeit, systematisch Dinge zu produzieren, die erschwinglich und unentbehrlich sind. Dieses Sitzwerkzeug ist mit Sorgfalt aus modernsten Materialien gefertigt und im Entwurf kompakt. Seine Ökonomie verdankt es daher nicht einem Prozess, in dem die Qualität reduziert oder die Kosten gesenkt werden, sondern vielmehr der möglichst radikalen Definition dessen, was unbedingt notwendig ist, um einen Stuhl zu bauen. Man könnte denken, dass die radikale Einfachheit erzielt wurde, indem ein Objekt so lange verfeinert wurde, bis es zu einer Art primitivem Werkzeug geriet, das dem Körper die Ausführung einer einfachen Handlung erlaubt: zu sitzen. Ich sehe es anders: Der Ausgangspunkt für den Ayoreo-Stuhl – und folglich auch für Chairless – ist der menschliche Körper selbst. Es handelt sich beim Sitzband um ein verbessertes, nicht um ein destilliertes Objekt. Stellen wir uns vor, wir haben das Bedürfnis, Wasser zu trinken: Instinktiv formen wir unsere Hände zu einer Schale. Das war schon vor der ersten Tasse so. Oder: Wenn wir in die Ferne blicken, legen wir ganz natürlich unsere Hand an die Augenbrauen, als eine Art Sonnenblende. Das taten wir auch schon, als es noch keinen Hut gab. Wenn wir auf dem Boden sitzen, legen wir intuitiv unsere Arme um unsere Beine. Chairless übernimmt nun die Arbeit unserer Arme und befreit unsere Hände. Grundsätzlich handelt es sich bei Chairless um ein Band, das man sich umlegt, um den Rücken und die Beine zusammenzuhalten, wie es sonst die Arme tun. So kann der Körper diese Position einerseits länger einnehmen – die Arme ermüden bekanntlich schnell beim Halten der Beine – und andererseits bleiben die Hände frei für essen, trinken, schreiben, sms-versenden, telefonieren etc. Je mehr Beine ermüden, desto weiter öffnen sie sich, und desto mehr drücken sie den Rücken hinauf; das Band löst dieses Problem des Ermüdens.

Keine Frage, im Laufe der Zeit sind zahllose Dinge entstanden, der Fortschritt hat sich in unserem Leben in Form anspruchsvoller Bedürfnisse und Wünsche manifestiert. Es trifft aber auch zu, dass viele Dinge und Bedürfnisse (die ich als atavistisch bezeichnen möchte) seit den Anfängen unverändert geblieben sind und sich bis heute auf extrem einfache Art und Weise befriedigen lassen: Dazu gehört auch der Wunsch, bequem auf dem Boden sitzen zu können. Chairless bietet sich an, wenn Sie zum Mittagessen in den Park gehen wollen, ein Picknick auf dem Rasen einnehmen, auf einem Flughafen warten müssen oder wenn Sie sich bei einem Konzert hinsetzen wollen. Es dient als Wand, an die Sie sich lehnen können, um ein wenig zu rasten, während Sie gerade irgendwo Schlange stehen oder wenn Sie in einem vollbesetzten Zug keinen Sitzplatz finden. Chairless ist die industrielle Version des Ayoreo-Bandes. Es verwendet Materialien, die Vitra bereits für andere Möbel benutzt, beispielsweise das Garn für Sofa-Einsätze oder die Lederreste. Wir haben ein elastisches Band dazu gegeben, damit sich Chairless leicht zusammenlegen und in einer Tasche verstauen lässt. Wir haben an der Stelle ein wenig Material weg gelassen, wo es nicht benötigt wird (am Übergang zwischen den Knien). Nicht nur werden die Hände für andere Verrichtungen befreit, auch treten die Kräfte in Erscheinung, die in diesem Stuhl wirksam werden: Spannung. Die Druckkräfte, denen ein Stuhl normalerweise widerstehen muss, oder die Verantwortung für die Aufnahme eines Gewichts sind dem Boden übertragen worden. Schliesslich ist der Boden das grösste und flexibelste aller Möbelstücke. Chairless ist das kleine, perfekte Hilfsmittel, das der Körper braucht, um zu sitzen, anstatt zu liegen.