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Frischer Wind ins Klassenzimmer
Sie werden verblüfft sein, wenn Sie feststellen, dass die Klassenzimmer von heute noch genauso aussehen wie jene, die Sie selbst vor fünf, zehn oder sogar 50 Jahren besucht haben. Ungeachtet der revolutionären technologischen Entwicklungen, der Informationsflut, der globalen Vernetzung, ganz zu schweigen von neuen und besseren Lehr- und Lernmethoden – das typische Klassenzimmer von heute wirkt wie das Ausstellungsstück eines Museums, in dem die Zeit stehen geblieben ist.
Natürlich werden Sie hier und da einen Computer finden, auf dem man sich YouTube-Videos ansehen kann, vielleicht sogar ein digitales Whiteboard. Grundsätzlich sehen Klassenzimmer aber immer gleich aus – gereihte Tische, harte Stühle, fest montierte Wandtafeln und große Lehrerpulte. Alles ist auf einen Frontalunterricht ausgerichtet, der aus einer Zeit stammen könnte, in der es
statt iPads noch Schiefertafeln gab.

Sind Unterrichtsräume im Stil des 19. Jahrhunderts der richtige Weg, um Studenten auf die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts vorzubereiten? Das wäre nun wirklich erstaunlich. Einige neuere Unterrichtsräume bieten aber auch Lösungen jenseits dieser überkommenen Vorstellungen. Diese befinden sich in namhaften Hochschulen ebenso wie in kleineren und weniger bekannten Bildungseinrichtungen. Schulen wie diese definieren das Verhältnis zwischen Raum, Möblierung, Technologie und Pädagogik neu und erzielen damit große Erfolge.
Viele Pädagogen sprechen davon, dass es höchste Zeit für Veränderungen ist und stellen vielen Klassenzimmern in Bezug auf Flexibilität, Nutzerfreundlichkeit, Komfort und Beleuchtung ein schlechtes Zeugnis aus. Neue Technologien sind dem Lehralltag oft Lichtjahre voraus und auch die Infrastruktur hinkt deutlich hinterher.
Studenten von heute sind wesentlich besser vernetzt und setzen neue Technologien viel selbstverständlicher ein als ihre Kommilitonen vor 30 Jahren. Die meisten Schulen nehmenauf diese Fähigkeiten kaum Rücksicht und richten sich auch nicht danach, auf welche Weise die Lehrer gern mit ihren Studenten arbeiten würden. So gibt es zwar viele Studenten mit Laptops und anderen mobilen Geräten, der Unterricht ist trotzdem leider allzu oft nicht darauf ausgelegt, dass sie diese Geräte nutzen und nicht Stift und Papier.

Lernräume von heute sehen häufig noch genauso aus wie vor hundert Jahren
Dabei verfügen gerade Studenten der Generation Y über ein sehr gutes Fachwissen
insbesondere im Bereich Neue Technologien und Social Networking, das man sofort aktivieren könnte, wenn man es nur in den Unterricht miteinbeziehen würde. Das ist aber nicht der einzige Grund für ein dringend notwendiges Umdenken. Die Probleme unserer heutigen Welt sind komplex und die hohe Geschwindigkeit des Wandels führt zu einer kurzen Halbwertszeit des gesammelten Wissens. Der Umfang des verfügbaren Wissens ist keine feste Größe, sondern verändert sich in allen Disziplinen rasend schnell. Also muss man Studenten nicht nur vermitteln, wie Wissen gesammelt werden kann, sondern auch, welche Strategien nötig sind, um Probleme zu lösen, zu denen nicht alle verfügbaren Informationen vorliegen.
Die meisten Unterrichtsräume sind nur für passives Zuhören ausgelegt, nicht aber für den dialogischen Austausch von Wissen.

„Wir haben herausgefunden, dass Klassenzimmer erfolgreiches Lernen eher behindern und damit weder den individuellen Bedürfnissen der Studenten noch jenen der Lehrer entsprechen“, sagt Elise Valoe, leitende Forscherin bei Steelcase WorkSpace Futures. Ihr Team untersuchte Lernräume an über zehn US-amerikanischen Universitäten sowie an privaten und öffentlichen Colleges.
„In vielen Fachbereichen berücksichtigen die Lehrpläne bereits ‚konstruktivistische Lernmethoden’, bei denen Studenten Inhalte selbstständig ‚konstruieren’ und miteinander verknüpfen, während sie sich aktiv am Unterricht
beteiligen. Im Prinzip geht es darum, den Studenten die wichtigsten Kompetenzen
für die Wissensgesellschaft von heute zu vermitteln – kritisches Denken, kreative Problemlösungsstrategien sowie die Grundlagen eines erfolgreichen Wissensaustauschs und einer funktionierenden Gruppenarbeit mit Kommilitonen. Das hat zur Folge, dass die Studenten im Lernprozess eine wichtigere Rolle einnehmen als bisher. Beispielsweise verbringen sie fast drei Viertel der Unterrichtszeit
mit Gesprächen und Diskussionen, und fast ein Viertel ihrer Zeit mit Gruppenarbeit.“
Trotzdem sind traditionelle Unterrichtsräume – der noch immer am weitesten verbreitete Raumtypus – völlig ungeeignet für Gruppenarbeit oder andere neue pädagogische Ansätze und Lehrmethoden.
Die Steelcase Forschungsergebnisse zeigen, dass viele Hochschulen dieselben Probleme haben:
• Veraltete Infrastrukturen – Gebäude stammen aus den 1960er Jahren oder davor
• Unterrichtsräume sind für Vorlesungen, nicht aber für aktives Lernen geeignet
• Begrenzte Flexibilität innerhalb der Unterrichtsräume
• Unzureichende Bewegungsmöglichkeiten (Tische und Stühle ohne Rollen, Stühle mit festen Schreibtablars usw.)
• Interaktionen zwischen Studenten und Lehrkräften werden durch unpassende Raumkonzepte und Möblierungen eingeschränkt
• Schlechte Integration neuer Medientechnologien
• Aktives und gemeinsames Lernen wird zu wenig oder gar nicht gefördert

Planungsprinzipien für Unterrichtsräume des 21. Jahrhunderts
Wissenschaftler von Steelcase WorkSpace Futures haben die wichtigsten Planungsprinzipien für Unterrichtsräume des 21. Jahrhunderts zusammengestellt. „Diese basieren auf eigenen Forschungsergebnissen und sollen Hochschulplanern einige Grundsätze für interaktivere und flexiblere Lernumgebungen an die Hand geben“, sagt Elise Valoe, leitende Forscherin bei Steelcase WorkSpace Futures.
Die wichtigsten Grundsätze:
• Realisierung von Raumkonfigurationen für unterschiedliche Lern- und Arbeitsweisen in einem Unterrichtsraum
• Lehrende und Lernende müssen sich gut sehen und hören können
• Das Potenzial neuer Medien ausschöpfen
Förderung des dynamischen Informationsaustauschs
• Entwerfen von Raumlayouts, die nicht nur eine gute Wissensvermittlung, sondern
auch eine gute Betreuung ermöglichen
• Entwerfen von temporär nutzbaren Bereichen
Die Planungsprinzipien basieren auf den sechs Stufen des nutzerorientierten Design-Ansatzes von Steelcase: verstehen, beobachten, sammeln, entwerfen, entwickeln und messen.
Im ersten Schritt versuchen wir, ein Thema umfassend zu verstehen und alle hierzu verfügbaren Forschungsergebnisse und Trends zu betrachten.
Im nächsten Schritt beobachten wir, wie die Dinge funktionieren. Hierzu nutzen wir Interviews, bilden Arbeitsgruppen und erstellen Filme und Fotos über das Verhalten und die Bedürfnisse der Menschen. Anschließend werden alle Erkenntnisse gesammelt und ausgewertet, um daraus die entsprechenden Design-Prinzipien zur Lösung der identifizierten Probleme abzuleiten.
Danach entwerfen wir Konzepte und Ideen für Produkte, die die entsprechenden Nutzer-Bedürfnisse erfüllen. Im fünften Schritt entstehen aus diesen Produktideen Prototypen, die in der realen Anwendung getestet werden.
Zuletzt messen und evaluieren wir, um auch in Zukunft tragfähige Lösungen anbieten zu können.


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